Sonntag, 31. Mai 2009

Das Glück wohnt überall

Ich sitze auf einer Bank in der U-Bahnstation. Die U1 fährt
ein, doch ich bleibe sitzen. In meinem Inneren toben sich Gefühle aus, denen gegenüber ich machtlos bin. Seit ich weiß, Angelika mich die ganze Zeit betrogen, ist meine Welt nur noch Schutt und Asche. Ausgerechnet der eigene Kollege steigt mit der ins Bett und ich Trottel merke es nicht einmal. Wer wohl davon alles weiß?
Keine Frage, die ganze Firma! Hinter meinem Rücken tuscheln sie, grinsen mir hämisch in mein Gesicht. Nie wieder eine Rothaarige! Nie wieder eine Frau!
Ich starre auf die Werbung an der gegenüberliegenden gekachelten Wand der Station.
Jeden Morgen lasse ich so mehrere U1 an mir vorüberziehen um dann irgendwann einzusteigen. Die Folgen sind klar und deutlich, jeden Morgen zu spät am Arbeitsplatz. Ich könnte kotzen, wenn ich die Fresse von dem Typ sehe.
Der Kerl sagt doch zu mir. „ Sieh es sportlich, der bessere Hengst gewinnt.“
An dem Morgen hätte ich ihn am liebsten zu Kleinholz verarbeitet. Warum ich es nicht tue?
Ich bin ein Feigling, jawohl ein Feigling. Mein ganzes Leben bin ich solchen fiesen Ärschen aus dem Weg gegangen.
Was soll ich tun?
Die U1 fährt ein und mir ist bewusst, die muss ich auf jeden Fall nehmen. Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Ich blicke auf die neben mir stehende Person. Eine junge Frau um die dreißig, sie strahlt mich förmlich mit ihrem Lächeln an.
„Jetzt wird es aber Zeit, schließlich kann man nicht jeden Tag zu spät kommen. Nicht wegen einer Frau, die schon mit der halben Firma geschlafen hat.“
„Die was?“
„Sie haben schon richtig gehört. Die hat sie nach Strich und Faden betrogen und sie armer Mensch haben es nicht einmal bemerkt. Die wird auch nicht bei dem Neuen bleiben. Die nicht! Außerdem kriegt der richtig Ärger, wenn der Alte das rauskriegt.“
Ich schaue sie verblüfft an. „Der etwa auch?“
„Ja, der steht auf Domina hat sie selbst gesagt. Wir müssen los, das ist unsere letzte Chance noch in der Kernzeit anzukommen.“
Ich stehe auf und gehe wie in Trance zu den offenen Türen des Zuges. Die junge Frau folgt mir und stellt sich neben mich.
„Und wer sind sie?“
Sie lächelt mich schon wieder an.
„Das wissen sie nicht? Wundert mich eigentlich nicht, sie übersehen mich ständig.“
„Ich muss doch wohl bitten. Im Haus grüße ich jeden Menschen; nur manche erwidern den Gruß nicht mehr.“
Die Frau streicht sich durch ihr langes blondes Haar, einem Engel gleich.
„Das ist doch nicht verwunderlich, so wie sie sich von diesem Biest verschaukeln lassen.“
„Denken sie etwa, ich bin Schuld?“
„Zumindest hätten sie Konsequenzen ziehen sollen.“
„Ich? Das ist jawohl die Höhe! Ich bin Mitte vierzig, glauben sie etwa ich finde so von heute auf morgen einen neuen Job.“
Die junge Frau lacht laut auf.
„Das habe ich nicht so gemeint. Warum wohnt Angelika noch in ihrer Wohnung?“
Ich ringe förmlich nach Luft.
„Wohnen ist gut, die kommt doch fast nicht mehr vorbei.“
„Eben, da hätte ich ihr die Koffer vor die Tür gestellt. Es ist doch ihre Wohnung?“
„Natürlich ist es meine Wohnung!“
„Warum haben sie es nicht getan?“
„Das geht zu weit! Ich habe immer noch geglaubt sie kommt zurück.“
Die junge Frau streicht mit ihrer Hand über meinen linken Oberarm, besser gesagt meinen Mantel.
„Sie armer, armer Irrer. Gehen sie zum Chef und verlangen sie versetzt zu werden.“
Ich schaue sie ungläubig an.
„Ich soll was? Das geht doch nicht!“
„Mann, zeigen sie endlich einmal Biss, beweisen sie ihre Stärke. Drohen sie mit Kündigung falls er nicht bereit ist sie zu versetzen. Übrigens dieser Wolfgang hat ganz schöne Scheiße gebaut, ich sage nur Spesenbetrug. Er hat ein Wochenende mit Angelika als Geschäftsreise abgerechnet.“ Ich bin verblüfft, der traut sich allerhand.
„So blöd kann er nicht sein.“
„Es geht hier nicht um blöd sein. Er ist einfach nur zu leichtsinnig und selbstsicher, dieser arrogante Fatzke.“
„Ich kann es nicht fassen! Wie heißen sie eigentlich?“
„Mit der Frage habe ich in diesem Leben nicht mehr gerechnet. Ich heiße Anna Liebermann.“
„Was? Dann sind sie die neue rechte Hand vom Chef!“
„Zeigen sie einfach Mal nur ihre Beißerchen, der Rest erledigt sich von selbst.“
Wir steigen an der U-Bahnstation City aus und gehen gemeinsam zu unseren Arbeitsplätzen. Das bleibt natürlich den wachsamen Augen nicht verborgen. Die beiden Frauen am Empfang tuscheln, ich kann jedes Wort mithören.
„Ist dir schon aufgefallen, die Liebermann kommt neuerdings immer mit dieser Flasche von Harald Hübschen.“
„Was die wohl an der Null findet?“
In meinem Büro ist es nicht anders. Der Fiesling grinst mich unverschämt an.
„Na schönen Abend gehabt, so allein in der Wohnung. Ich habe gestern am Abend gemütlich drei Nummern geschoben.“ Ich hänge meinen Mantel an die Gardarobe, setze mich an meinen Schreibtisch und beachte den Kerl nicht. Das Lästermaul kann es trotzdem nicht lassen, erzählt Einzelheiten aus seinem Frauenverwöhnprogramm. Irgendwann stehe ich auf und gehe mir am Kaffeeautomaten einen Kaffee besorgen. Natürlich treffe ich dort auf die Rothaarige, in meinem grenzenlosen Frust teile ich meine Entscheidung mit.
„Übrigens Angelika, du kannst deine Koffer abholen.“
Sie dreht sich zu mir um, schaut mich entrüstet an.
„Du wagst es dich meine Koffer vor die Tür zu stellen! Weißt du kleines Arschloch eigentlich wer ich bin?“
„Ja, du bist die Frau, die ich mir gerne in meinem Leben erspart hätte.“
Anna die gerade zur Tür hereinkommt, lächelt zuckersüß. Angelika bemerkt dazu nur.
„Dir dummen Gans vergeht hier in diesem Laden auch noch das Lachen. Ich werde hier die Chefin!“
Anna sagt trocken.
„Das glaube ich kaum, der Posten ist bereits vergeben.“ Angelika verzieht ihr Gesicht zu einer grässlichen Fratze, donnert wie ein ICE davon. Ich stehe im Raum, schaue Anna an.
„Ich denke, du hast dir gerade eine Todfeindin geschaffen.“ Sie schließt den Kühlschrank dreht sich um.
„Heute ist der Tag an dem bei dir die Wunder geschehen. Ich hatte kaum in diesem Leben mehr damit gerechnet, dass wir uns duzen.“
Ich bin betroffen, habe die Grenze des Anstandes überschritten. Wie kann ich sie einfach nur so duzen. Ein sehr bedauerliches Missgeschick.
„Tut mir leid, ich habe mich daneben benommen.“
„Wieso? Was glaubst du, wie lange ich schon darauf warte von dir beachtet zu werden?“
Das habe ich so noch nicht gesehen, die ist doch zu jung für mich.
„Ich denke wir haben doch einen gewissen Altersunterschied zu beachten.“
Ehe ich mich versehe, steht sie vor mir, küsst mich mitten auf den Mund. Und was tue ich?
Ich erwidere natürlich den Kuss. Das kann sicher noch heiter werden. Dieser kleine Anlass wird bestimmt gleich wieder über alle Klatschkanäle laufen. Hat uns jemand gesehen?
An meinem Schreibtisch versuche ich mich wieder zu sammeln. Die Situation ist keineswegs ideal, insbesondere will ich nicht, dass Anna zum Gerede der Belegschaft wird. Ich male auf meiner Schreibtischunterlage eine Menge Unsinn. Das hilft, irgendwann ist mein Entschluss gefasst. Ich werde kündigen! Nur Mut, am einfachsten ist es gleich zur Tat zu schreiten. Ich gehe zu Willibald Fröhlich, dem Hauptgesellschafter, dem Chef, in diesem Laden. Das Vorzimmer ist leer, so gehe ich direkt in sein Büro. Er lächelt mich freundlich an.
„Na Harald, wo drückt der Schuh? Endlich zur Besinnung gekommen? Ich hoffe du hast diese Angelika endlich vor die Tür gesetzt. Diese Frau taugt nicht viel für ein gemeinsames Leben.“
Ich setze mich in den Sessel vor seinem Schreibtisch.
„Ich bin gekommen um zu kündigen.“
„Du willst was?“
Der Chef scheint überrascht zu sein.
„Ich kündige!“
Willibald Fröhlich schaut zum Fenster hinaus.
„Das geht nicht mein Lieber, ich habe andere Pläne mit dir vorgesehen.“
„Ich halte es nicht mehr aus mit diesem Wolfgang Groß in einem Büro.“
Der Chef schaut mit einem Schmunzeln auf den Lippen herüber.
„Das habe ich schon kommen sehen. Du bekommst das Büro nebenan.“
„Wie nebenan? Das ist doch ein Geschäftsführerbüro!“
„Hast du etwa damit ein Problem?“
„Das ist schön und gut, nur da gibt es noch eine andere Frau. Sie heißt Anna und arbeitet hier, die will ich nicht zum Gesprächsstoff der Mitarbeiter machen. Übrigens laut Gerüchten soll Wolfgang Groß bei seinen Spesenabrechnungen betrogen haben.“
Willibald Fröhlich schaut nach einem Schreiben auf seinem Schreibtisch und lacht laut auf.
„Das mein Lieber erklärt mir sehr viel. Du weißt überhaupt noch nicht welchen großen Dienst du mir erwiesen hast. Die Kündigung habe ich noch nicht angenommen. Wir reden noch einmal darüber, ich schlage vor, bei einem Abendessen.“
„Abendessen?“
„Richtig, heute um 19.00 Uhr, in den Elsässer Stuben.“
„Warum nicht in einem unserer Stammrestaurants?“
„Harald, ich habe meine Gründe. Wir sehen uns also am Abend und sei bitte zur Abwechslung einmal pünktlich.“
Ich verlasse das Büro und denke so bei mir, sehr merkwürdig.
Er bietet mir ein Büro neben seinem an, ein Abendessen. Das sieht wahrlich nicht nach Kündigung aus. Die arme Anna würde hier keine ruhige Minute mehr haben, sobald Angelika eine Beziehung mit mir feststellen würde.
Auf dem Weg zu meinem Büro begegnet mir Wolfgang.
„Mache mir Platz, ich habe einen wichtigen Termin beim Chef.“
Wenige Augenblicke später stürmt Angelika an mir vorbei.
„Na du Flasche, ich werde jetzt hier Chefin.“
Anna treffe ich im Aufenthaltsraum, sie hat sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank genommen. Ihr Lächeln zaubert meine düsteren Gedanken weg, mit einmal schwebe ich durch einen hellerleuchteten, warmen Raum. In diesem Moment treffen sich unsere Lippen zu unserem zweiten Kuss an diesem Morgen. Augenblicke später, für mich sind das eher Stunden, erzähle ich ihr von meiner Kündigung. Sie reagiert für meine Begriffe sehr besonnen.
„Harald, mache dir keine Sorgen, im Leben kommen manchmal die tollsten Überraschungen vor. Wir schaffen es gemeinsam, davon bin ich felsenfest überzeugt.“
An meinem Schreibtisch bewundere ich diese schöne Frau, die mit soviel Hoffnung und Power durch das Leben geht. Wo ist bloß meine Zuversicht und meine Lebensfreude geblieben?
Ich spüre, wie sie langsam zurückkehrt, das Glück wohnt überall. Du musst es nur sehen wollen.
Am wenigsten möchte ich meinen Kollegen sehen. Dieser Wunsch wird mir für den Rest des Tages erfüllt. Ich muss noch öfters in einige andere Büroräume, nur Angelika ist auch nirgends zu sehen. Insofern ist es für mich ein gelungener Arbeitstag. Ich lache und scherze wieder, gewinne von Minute zu Minute wieder an verloren geglaubtem Boden zurück.
Vergnügt trete ich mit der U-Bahn meine Heimfahrt an. In meiner Wohnung erwartet mich die nächste angenehme Überraschung, die Rothaarige hat das Feld geräumt. Den Wohnungsschlüssel hat sie artig auf die Kommode in der Diele gelegt.
Ich setze mich in mein Wohnzimmer und atme befreit auf, so als sei eine schwere Last endlich von meinen Schultern genommen worden. Dabei schießt ein Gedanke durch meinen Kopf:
„Anna!“
Voller Freude und Tatendrang gehe ich unter meine Dusche, kleide mich anschließend für das Abendessen an. Auf dem Weg zu dem Restaurant fällt mir ein:
„Ich habe nicht einmal ihre Adresse erfragt, noch ihre Handynummer. Wie dumm von mir. Das werde ich gleich Morgen in Ordnung bringen. Überhaupt, warum soll ich kündigen, sollen doch diese beiden Störenfriede gehen. Können die nicht vielleicht sogar gekündigt werden? Nein, so grausam bin ich auch wieder nicht. Das könnte sehr schnell als Rache ausgelegt werden.“
Das Restaurant liegt in einer Seitengasse und ich verlaufe mich prompt. Ein älteres Ehepaar zeigt mir den richtigen Weg. Dank dieser Hilfsbereitschaft treffe ich noch pünktlich in dem Restaurant ein.
Willibald Fröhlich sitzt bereits an einem Tisch und winkt mir zu, dabei blickt er auf seine Armbanduhr.
„Alle Achtung, der Harald ist wieder zuverlässig und pünktlich.“
Ich lege meinen Mantel ab, setze mich an den Tisch.
„Ich war doch immer zuverlässig und pünktlich.“
Der Boss lächelt amüsiert.
„Lassen wir die letzte beschissene Zeit außen vor, dann stimmt diese Aussage sogar. Ich denke, ich sollte nicht päpstlicher sein, als der Papst. Außerdem habe ich auch einiges an Fehlern gemacht.“
Solche Worte aus dem Munde des großen Chefs erstaunen mich doch sehr. Ein Blick über den Tisch sagt mir, wir sind zu dritt. Willibald sieht genau meinen fragenden Blick.
„Ja, unsere neue Geschäftsführerin kommt ebenfalls zum Essen. Aus diesem Grunde habe ich auch dieses Restaurant gewählt. Es wird noch früh genug publik werden.“
Am liebsten würde ich jetzt unter den Tisch kriechen. Neue Geschäftsführerin? Hat dieses Luder es also doch hingekriegt. Diesen Triumph will sie sich wohl nicht entgehen lassen.
„Das war zu erwarten gewesen.“
Willibald nickt freundlich.
„Ja das war es. Ich möchte, dass du Sie unterstützt.“
Ich denke, ich habe mich verhört. Diese Worte muss ich erst einmal verdauen.
„Ich? Du weißt schon wie ich zu ihr stehe?“
„Natürlich und ich denke ihr packt es gemeinsam. Sie ist jedenfalls fest davon überzeugt.“
Das kann heiter werden, Angelika und ich. Mein Gott, er muss doch wissen, dieser Deal geht in die Hose. Ich merke bereits das Adrenalin in meinem Blut und dann rieche ich noch einen mir seit diesem Tag vertrauten Geruch.
Ein zarter Parfümnebel setzt meine Gefühle in Wallung. Das kann nicht sein, vielleicht ist es nur eine Sinnestäuschung. Willibald schaut mich besorgt an.
„Ist dir schlecht?“
„Nein! Ich bin nur leicht verwirrt.“
„Wegen Anna?“
„Anna? Wieso eigentlich Anna?“
„Jetzt sage bloß nicht Angelika wäre dir an der Stelle angenehmer.“
„Nein! Ich bin nur überrascht.“
Anna genießt diesen Moment, setzt sich an den Tisch. Ihr Lächeln vertreibt alle meine Ängste. Das ist der Moment indem ich wieder anfange auf Wolken zu schweben. In meinem Bauch macht sich ein Heer voller Schmetterlinge zu schaffen. Anna gibt Willibald einen Kuss links und rechts auf die Wange. Ich bekomme den dritten Kuss für diesen Tag auf den Mund. Während ich noch ihre Lippen auf den meinen wähne, höre ich ihre Worte in weiter Ferne.
„Papa, habt ihr schon von den Veränderungen gesprochen.“ „Papa? Wieso Papa?”
Anna kneift mich in die Seite.
„Das ist mein Vater! Sag bloß du hast das nicht gewusst?“
„Nein!“
Willibald Fröhlich amüsiert sich köstlich.
„Na, dann Anna, ist er auch nicht hinter deiner Mitgift her. Ich glaube, ich muss ihn aufklären. Ich habe Wolfgang Groß und unserer Angelika fristlos gekündigt. Groß hat in der Tat Spesenbetrug begangen, geglaubt er würde nie auffallen. Er war sich einfach nur zu sicher. Angelika hat mein Vertrauen missbraucht, sie hat Firmengelder auf ein Konto in Luxemburg abgezweigt. Die Anzeige gegen sie läuft bereits. Anna Liebermann ist meine Tochter aus der Beziehung mit ihrer Mutter Gerda. Ich habe sie damals als leibliche Tochter anerkannt. Sie ist bei ihrer Mutter aufgewachsen, hat studiert und wird jetzt meine Nachfolgerin. Harald, du wirst zweiter Geschäftsführer. Am Ende erlebe ich vielleicht noch eure Hochzeit. Ich werde in der Zukunft meinen Lebensabend an einem sonnigen Ort verbringen. Was sagst du jetzt?“
Ich, ich bin sprachlos, meine Hand sucht die Hand von Anna. Glücklich halten wir uns aneinander fest, trunken von unseren Gefühlen.
Am Morgen noch keine bessere Zukunft in Sicht, am Abend bin ich mitten im Glück. Das Glück wohnt halt überall und ich hätte es doch fast übersehen.

© Bernard Bonvivant

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im menschlichen Dasein

Im Leben spielt die Vergangenheit keine Rolle. Was zählt ist die Gegenwart, denn nur über die Gegenwart können wir unsere Zukunft beeinflussen. Wer aber im Geiste in der Vergangenheit weilt, der wird nie in seiner eigenen Zukunft ankommen. Er nimmt sich so selbst die Chance auf die Mitgestaltung seines Lebens. Am Ende der Lebenszeit stellt so mancher Zeitgenosse staunend vielleicht fest: Die Lebenszeit ging schnell dahin, doch worin lag des Lebens wahrer Sinn?

©Bernard Bonvivant, Schriftsteller,
Autor des Romans Das Chaos

Samstag, 20. Dezember 2008

Die Heilerin

Ein altes Holzhaus steht am Ortsrand. Es hat schon bessere Tage gesehen, jetzt erscheint es von außen besehen nur noch baufällig zu sein. Ein Architekt würde sagen, abreißen und ein neues Haus bauen. Der Liebhaber hingegen würde so manches interessante an diesem Häuschen finden. Die eindrucksvolle verwitterte Schnitzerei über der Eingangstür. Die aufwendige Zimmermannsarbeit eindeutig ein Zeichen von Handarbeit.
Die meisten Spaziergänger aber gehen achtlos vorbei und beachten das windschiefe Häuschen nicht. Viel schlimmer sind die dreisten Farbschmierereien und die obszönen Texte. Das hat das Holzhäuschen und seine einstige Bewohnerin sicher nicht verdient.
Auf dem kleinen Friedhof des Ortes liegt ein Grab einsam an einer Mauer. Fragt man die alten Leute hier, wieso dieses Grab so allein abseits liegt, dann schütteln sie den Kopf.
„Das wissen sie nicht? Da liegen die Armen, die kein Geld haben für ihre Beerdigung. In unserem Ort gab es nur eine, unser Klärchen.“
Neugierig geht man zu dem verwitterten Holzkreuz und liest dort: Klara Steiner.
Jetzt hat sie also schon einen Namen, die alte Dame aus dem windschiefen Holzhäuschen.
Wie aber lebte sie? Was hat sie in ihrer Lebenszeit vollbracht?
Auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln kann oft sehr interessant werden. Ein Mensch der scheinbar längst in Vergessenheit geraten ist und von dem nicht eine Seite beschrieben steht, wird mühsam wie ein Puzzle zusammengetragen. So sammeln sich hier ein kleines Teilchen und dort eine Episode zu einer näheren Information.

Ein alter Herr auf einer Bank am Dorfteich weiß mehr. Er füttert gerade die Enten, wirft ihnen trockene Brotkrummen zu. Mürrisch blickt er drein.
„Wieso wollen Sie was über Klärchen wissen? Wer sind Sie überhaupt?“
Der Frager kommt nicht zur Antwort, in den grauen alten Hirnzellen beginnt die Verjüngungskur und noch einmal reist der Geist in jene längst vergangene Zeit.

„Das ist eine lange traurige Geschichte. Klara war ein gescheites Mädchen, nur hatte ihre Mutter schon kein Geld. Klara war eine schöne Frau und so fand sie trotz der Armut einen Mann aus gutem Haus. Es war der Erstgeborene eines der reichten Bauern hier. Leider war der Bauer gegen die Verbindung, genutzt hat es nichts. Wo die Liebe hinfällt, Klara hat ihren Kurt geheiratet. Sie können mir glauben, es war ein stolzes Paar. Der Alte hat zwar seinen Sohn enterbt, aber der Kurt hat auch so seinen Weg gemacht. Das wäre sicher auch ein gutes Leben geworden. Der zweite Weltkrieg hat alles kaputtgemacht. Kurt fiel bei Stalingrad und der Alte hat Klara dafür die Schuld gegeben. Der Herr Pfarrer hatte nichts besseres zu tun, als vom Sündenfall und der Gerechtigkeit zu reden. Blödes Zeug, was konnte Klara für den Tod ihres Mannes. Nichts! Die Leute hier am Ort haben über sie getratscht und sie verflucht. Die Hexe haust im Holzhaus. Das Verrückte ist, wenn die Ärzte nicht helfen konnten sind sie zu Klara geschlichen, heimlich und nur in der Nacht. Das waren Zeiten, was?“
Der Frager schaut auf den Weiher und meint.
„Das ist aber nicht die ganze Geschichte?“
Der alte Mann bricht Brot und wirft es den Enten zu.
„Nein! Es geht noch weiter. Klara hat in ihrer Familie Frauen gehabt, die der Hexerei bezichtigt und deshalb verbrannt wurden. Zwei ihrer weiblichen Verwandten landeten im sogenannten Schuldenturm. Klara verstand sich auf die Heilkunst wie keine zweite. Sie kannte alle Kräuter wusste, wo man sie fand und wie sie zu verarbeiten waren. Die Salben halfen immer, ihre Tees waren eine Wohltat und ihre Hände waren warm.“
Der Frager schaut den alten Mann verwundert an.
„Warm? Was meinen Sie mit warm?“
„Na, die hat ihre Hand aufgelegt und damit geholfen, hat massiert, eingerenkt und solche Sachen. Manchmal habe ich ihr heimlich was zu essen gebracht. Die Frau war arm wie eine Kirchenmaus. Meine verstorbene Frau hätte es nie erfahren dürfen, die hätte das Klärchen am liebsten gesteinigt. Verstehen Sie warum Menschen so sein können? Ich ehrlich gesagt nicht, vielleicht hängt es am Alter. Wissen Sie, die hatte einen selbstgebrannten Kräuterschnaps der bewirkte wahre Wunder.“
Der Frager lächelt und meint.
„Deshalb haben Sie die Frau besucht, wegen dem Schnaps.“
Der alte Mann winkt ab.
„Nein, es gab immer nur ein Gläschen Kräuterschnaps, nie auch nur einen Tropfen mehr. Warum interessiert Sie diese Geschichte überhaupt? Kein Mensch interessiert sich mehr für Klärchen, die liegt seit fast zwanzig Jahren unter der Erde.“
„Dann ist Sie aber früh gestorben!“
„Ja, die arme Frau bekam eine Lungenentzündung und ist daran gestorben.“
„Das ist eine traurige Geschichte, ihr ganzes Wissen ist wohl verloren für diese Welt.“
Der alte Mann nickt zustimmend.
„Ja! Nur was geht es Sie an?“
„Ich habe erst gestern bei der Durchsicht der Unterlagen meiner verstorbenen Eltern erfahren wer ich wirklich bin.“
Der alte Mann klatscht plötzlich in beide Hände.
„Dann hatte ich also doch Recht! Klärchen war nach Kurts letztem Heimaturlaub schwanger. Kurt ist drei Monate später in Stalingrad gefallen. Ich habe es damals geahnt, Klärchen war nicht nur traurig, sie war total durch den Wind. Sie hat wohl das Kind heimlich zur Welt gebracht und dann um es vor den Leuten zu schützen in andere Hände gegeben.“
Der Frager nickt traurig.
„Genau so war es, Sie fürchtete um das Leben ihres Kindes. Ich habe nicht gewusst, dass ich ein Pflegekind war. Der Tod hat die Wahrheit an das Licht des Tages gebracht.“
Der alte Mann schaut den Frager lange an.
„Jetzt erkenne ich dich, du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich bin sicher deine Mutter hat dir etwas hinterlassen. Hast du den Schlüssel zum Haus?“
Der Mann nickt stumm und zieht ihn hervor.
„Ich wette du heißt Kurt.“
Kurt und Tränen stehen in seinen Augen.
„Scheiße! Ich bin dein Onkel, ich habe damals statt meines Bruders Kurt unseren Hof geerbt.“
Der alte Mann beginnt zu heulen.
„Keine Angst mein Lieber, ich habe viel gut zu machen. Jetzt weiß ich wenigstens für wen ich das Erbe erhalten habe. Gehe zum Holzhaus und schaue im Keller nach, da findest du die Antworten auf deine Fragen. Den Rest werde ich Dir bei einem Essen in meinem Haus erzählen. Es ist der große Hof direkt auf der anderen Seite.“
Kurt nickt und geht zu dem alten Holzhaus. Er sperrt die Tür auf und ist erstaunt wie gut alles noch funktioniert. Das Haus sieht im Innern gut erhalten aus, hier hat wohl immer wieder jemand nach dem Rechten geschaut.
Er steigt die steile Kellertreppe hinab und findet sich in einem großen Raum wieder. Jetzt erst fällt ihm auf, das Licht brennt, also gibt es Strom. Vor ihm steht ein Küchentisch und an der Wand steht ein Schrank. Auf dem Tisch liegt ein Brief.
Kurt nimmt ihn mit zittriger Hand auf und liest den Text.
- Für meinen Sohn Kurt -
Er öffnet den Umschlag und liest immer wieder die Zeilen, irgendwann legt er den Brief auf den Tisch und öffnet den Schrank.
Lange blickt er auf die Hefte und Bücher, nimmt zaghaft welche in die Hand. Mühsam versucht er die Schrift zu entziffern und dann scheint es als sei eine Erscheinung im Raum. Das Licht wird heller, eine schemenhaftes Wesen huscht durch den Raum, eine sanfte Frauenstimme flüstert zärtlich.
„Habe keine Angst Kurt, nimm es an, das Vermächtnis der Heilerin. Ich kann dir nicht viel geben, was ich dir aber gebe ist unbezahlbar. Es ist das wertvollste was ein Mensch geben kann.“
In dieser Nacht fand die Heilerin endlich ihre verdiente Ruhe und ein neuer Heiler ward geboren.



© Bernard Bonvivant, Autor des Romans das Chaos